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© Lehmann

Bundesministerin Dr. Claudia Schmied im Gespräch
Das in Deutschland erschienene Buch „Kulturinfarkt“ über die Halbierung der öffentlichen Subventionen für Institutionen im Bereich der Kunst und Kultur hat eine Debatte entfacht. Wie bewerten Sie die Thesen des Buchs?

Die Chancen der Weichenstellungen in der Kulturförderung liegen in der Schwerpunktsetzung, diese haben wir im Regierungsprogramm klar und transparent vorgenommen, z.B. in den Bereichen Film, Nachwuchsförderung und regionale Kulturaktivitäten. Wesentlich ist es, Förderungen stets nach den Prinzipien der Qualität, Innovation, Präsenz und Wirksamkeit zu vergeben und den Mitteleinsatz zu prüfen. Im Bereich der Kunstförderung hat sich das Beiratssystem zur Objektivierung der Entscheidung in vielen Jahren bewährt. Auch ist jede Personalentscheidung im Kulturbereich eine Weichenstellung.

In Österreich ist es gelungen, das Kunst- und Kulturbudget in den letzten Jahren zu erhöhen und jetzt stabil zu halten …

Ja, und das in budgetär schwierigen Zeiten! Klar ist, welche Bereiche gestärkt werden, z.B. der Film, die Nachwuchsförderung und die regionalen Kulturaktivitäten. Auch lege ich Wert auf korrekte Public Governance und erstklassige Personalentscheidungen.

Österreich hat zwischen 2007 und 2010 für den Bereich der Kunst-, Kultur- und Kreativwirtschaft fast 80 Millionen Euro an Geldern aus den EU-Strukturförderungen erhalten. Eine erstaunlich hohe Summe. 

Ich bin über diese Ergebnisse sehr erfreut. Wir müssen dazu übergehen, den Kunst- und Kulturbereich stärker auch unter regionalpolitischen Aspekten zu sehen. Diese Debatte wird oft gescheut. Dabei können Kunst und Kultur sehr viel regional-wirtschaftliche Dynamik generieren. Für die gesamte EU gesprochen wissen wir, dass die Kreativbranche mit 4,5% zum gesamteuropäischen BIP beiträgt und 3,8% der Arbeitskräfte in der EU bindet. Das sind eindrucksvolle Werte, die künftig noch steigen werden, da der Kunst- und Kreativsektor insbesondere im Bereich der Innovation herausragend ist. Außerdem werden gerade Regionen und ländliche Gebiete durch Kunst- und Kulturprojekte unverwechselbar. Auch gelingt mit Kunst und Kultur die Transformation alter Industriegebiete. Eine Intensivierung der Förderung von solchen Projekten aus Mitteln der EU-Strukturfonds ist mir ein großes Anliegen.

Wie wesentlich ist für Sie, viele Menschen durch vom BMUKK geförderte Projekte zu erreichen?

Dass Kunst und Kultur für möglichst viele Menschen erlebbar wird, ist wesentlicher Bestandteil meines kulturpolitischen Verständnisses. Kunst und Kultur sind Triebfedern für Kreativität, Reflexion und Konfliktfähigkeit in allen Bereichen des Lebens. Abgesehen davon zeigen zahlreiche Studien, dass sich jeder in Kunst und Kultur investierte Euro auch ökonomisch rechnet. Österreich ist ein Kulturland, wird als solches auch international wahrgenommen. Kunst und Kultur ist Teil unserer Reputation, trägt wesentlich zur Prosperität bei und bestimmt, wie unser Land „gestimmt“ ist.

Welche Elemente zeichnen eine moderne und effiziente Public Governance aus?

Es geht um klare rechtliche und organisatorische Strukturen und das Festlegen von Verantwortungsbereichen. Bei allen großen Organisationen ist es gut, zu prüfen, ob die bestehenden Regelsysteme – diese betreffen etwa das Zusammenspiel von Geschäftsführungen, Aufsichtsgremien und Eigentümern – nach wie vor State of the Art sind. Im Fall der Bundesmuseen konnten nach den Erfahrungen der ersten zehn Jahre nach der Ausgliederung einige Bereiche optimiert und auf einheitliche Standards gebracht werden. Ich freue mich, dass es uns gemeinsam mit den GeschäftsführerInnen und den gesetzlichen Aufsichtsgremien gelungen ist, moderne Public Governance Regeln bei den Bundesmuseen und der Österreichischen Nationalbibliothek zu verankern.

Sind im Bereich der Public Governance nun all Ihre Vorhaben umgesetzt?

Ja. Mit den erneuerten Museumsordnungen sowie den Geschäftsordnungen der Geschäftsführungen und der Kuratorien liegen verbesserte, aufeinander abgestimmte Regelwerke für eine zeitgemäße und zukunftstaugliche Steuerung unserer Kulturbetriebe vor. Public Governance muss mit jedem Tag verantwortungsbewusst gelebt werden.

Die neuen Regelwerke betreffen die Bundesmuseen und die Nationalbibliothek. Wie steht es mit der Public Governance bei den Bundestheatern?

Auch die Bundestheater wurden vor rund zehn Jahren ausgegliedert. In den letzten Jahren haben wir die rechtlichen und wirtschaftlichen Grundbedingungen dieser Institutionen einer eingehenden Evaluierung unterzogen. Als eines der Ergebnisse ist ein novelliertes Bundestheaterorganisationsgesetz in Kraft getreten. Auch hier gelingt es durch die Anpassung einiger gesetzlicher Bestimmungen, die Public Governance zu modernisieren.

Welche Bereiche des Gesetzes wurden angepasst?

Vor allem wurde ein klarer, umfassender und einheitlicher Kompetenzkatalog der Aufsichtsräte in Übereinstimmung mit dem GmbH Gesetz geschaffen. In weiterer Folge werden aufgrund der Gesetzesänderung die Geschäftsordnungen der Geschäftsführungen und der Aufsichtsräte der Bundestheater adaptiert.

Bleiben wir bei den Bundestheatern. Die neue Probebühne der Wiener Staatsoper ist seit Anfang des Jahres in Betrieb.

Ja. Die Eröffnung am Gelände des Wiener Arsenals war ein großes Fest. Die Inbetriebnahme der neuen Probebühne bedeutet einen kulturpolitischen Meilenstein. Die Qualität der Aufführungen der Staatsoper erfährt durch die besseren Probebedingungen eine entscheidende Steigerung. Ich freue mich, dass dieses Projekt gut verwirklicht werden konnte.

Welche Vorteile bietet die neue Einrichtung?

Wesentlich ist, dass es sich um eine Probebühne im 1:1-Maßstab handelt. Das bedeutet, dass die Bühnenfläche auf der Probebühne genau abgebildet wird. Das ist unabdingbar für effiziente szenische Proben. Denken Sie an die Komplexität vieler zeitgenössischer Inszenierungen. Bisher konnten aufführungsähnliche Bedingungen nur bei den Proben auf der großen Bühne hergestellt werden. Der Transport- und Umbauaufwand ist sehr groß. Schließlich wird auf der großen Bühne nahezu jeden Abend gespielt. Ein großer Vorteil der neuen Probebühne auf dem Gelände des Arsenals ist auch ihre unmittelbare Nähe zu den Kulissendepots. Es fällt nun der Transportweg für Kulissen zu Probezwecken – zur Oper und retour – weg.

Es wird also das Haus am Ring durch die neue, externe Probebühne wesentlich entlastet?

Absolut! Neue Möglichkeiten tun sich dabei auf. Zum Beispiel für die Kunst- und Kulturvermittlung. Ich denke an das so wichtige Heranführen von Kindern und Jugendlichen an die Musik, in diesem Fall die Oper. Die große Bühne in der Wiener Staatsoper kann in Zukunft verstärkt für Aufführungen für Kinder genutzt werden. Ich freue mich sehr, dass Operndirektor Dominique Meyer dieses Vorhaben bereits in der nächsten Saison umsetzen wird.

Wie wichtig ist Ihnen Vermittlungsarbeit im Bereich Musik bzw. Musiktheater?

Ich freue mich über Vermittlungsinitiativen, die das Ziel haben, junge Menschen an das Musiktheater in seiner traditionellen und zeitgenössischen Ausprägung heranzuführen und nachhaltig-positive Erfahrungen für Kinder zu ermöglichen. Dadurch wird ein Beitrag zur Begeisterung für Opern-, aber auch Musicalaufführungen geleistet.

Die meisten OpernbesucherInnen sind Erwachsene. Wie wollen Sie das Interesse junger Menschen stimulieren?

Mit guten Vermittlungsmaßnahmen gelingt es, die Begeisterung von Kindern zu wecken. Sie brauchen sich nur die Gesichter hunderter Kinder anschauen, die am Tag nach dem Opernball die „Zauberflöte für Kinder“ in der Staatsoper miterleben. Die Aufführungen, das Musizieren, das Singen, das Spielen und Erzählen der KünstlerInnen bereitet vielfaches Vergnügen.

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